19. November 2025

CO₂-Emissionsketten: Der unsichtbare Rucksack unserer Produkte

Rucksack gefüllt mit CO₂-Emissionsketten

Wenn wir über den CO2​-Fußabdruck eines Unternehmens oder eines Produkts sprechen, sehen wir oft nur die Spitze des Eisbergs: den rauchenden Schornstein oder den Auspuff des Firmenwagens. Doch die wahre Klimabilanz ist wesentlich komplexer. Sie erstreckt sich über ein globales Netzwerk aus Rohstoffgewinnung, Transport, Produktion, Nutzung und Entsorgung.

Dieses Netzwerk nennt man CO₂-Emissionskette (oder auch Carbon Supply Chain). Für Experten und Unternehmen ist das Verständnis dieser Kette essenziell, da oft 80 bis 90 % der Emissionen nicht im eigenen Unternehmen, sondern in der vor- oder nachgelagerten Wertschöpfungskette entstehen.

Die Struktur der Kette: Das GHG Protocol

Um Emissionsketten vergleichbar und messbar zu machen, hat sich weltweit das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) als Standard etabliert. Es unterteilt die Emissionskette in drei Bereiche, die sogenannten „Scopes“ (Geltungsbereiche).


Scope 1: Direkte Emissionen

Dies sind Emissionen, die aus Quellen stammen, die das Unternehmen direkt besitzt oder kontrolliert.

Beispiele: Verbrennung von Gas in der eigenen Heizanlage, chemische Reaktionen in der Produktion, Benzinverbrauch der eigenen Fahrzeugflotte.

Scope 2: Indirekte Energie-Emissionen

Hierbei handelt es sich um Emissionen, die durch die Erzeugung von eingekaufter Energie entstehen.

Beispiele: Der Strom, der für die Büros und Maschinen aus dem Netz bezogen wird, sowie Fernwärme oder Dampf. Diese Emissionen entstehen physisch im Kraftwerk, werden aber dem verbrauchenden Unternehmen zugerechnet.

Scope 3: Die gesamte Wertschöpfungskette

Dies ist der komplexeste und meist größte Teil der Emissionskette. Scope 3 umfasst alle anderen indirekten Emissionen, die in der Wertschöpfungskette auftreten.

Upstream (Vorgelagert): Emissionen, die bei der Herstellung von eingekauften Rohstoffen, Dienstleistungen, Kapitalgütern oder beim Transport zum Werk entstehen.

Downstream (Nachgelagert): Emissionen, die entstehen, nachdem das Produkt das Werk verlassen hat. Dazu gehören Transport zum Kunden, die Nutzung des Produkts (z. B. Stromverbrauch eines Fernsehers) und die Entsorgung/Recycling am Lebensende.

Life Cycle Assessment (LCA): Die Methode zur Berechnung

Um eine CO₂-Emissionskette im Detail zu analysieren, nutzen Fachleute die Methode der Ökobilanzierung (Life Cycle Assessment, LCA) nach ISO 14040/14044. Dabei wird der Lebenszyklus eines Produkts in Phasen unterteilt:

A. Cradle-to-Gate (Von der Wiege bis zum Werkstor)

Diese Betrachtung summiert alle Emissionen von der Rohstoffgewinnung (Mining, Landwirtschaft) über den Transport bis zum fertigen Produkt im Lager des Herstellers. Dies ist der Standard für B2B-Produkt-Carbon-Footprints (PCF).

B. Cradle-to-Grave (Von der Wiege bis zur Bahre)

Hier wird die Analyse erweitert um die Nutzungsphase und die Entsorgung. Dies ist entscheidend für Produkte, die während ihrer Nutzung viel Energie verbrauchen (z. B. ein Auto mit Verbrennungsmotor, dessen Emissionen in der Nutzungsphase die der Herstellung weit übersteigen).

C. Cradle-to-Cradle (Kreislaufwirtschaft)

In einer idealen Kreislaufwirtschaft wird das Produkt am Ende nicht entsorgt, sondern recycelt. Die Emissionskette wird zum Kreis, wobei Gutschriften für recycelte Materialien die Bilanz verbessern können.

Hotspots und Herausforderungen

Für das Management von Emissionsketten ist die Identifikation von sogenannten Hotspots entscheidend.

Rohstoff-Hotspots: Bei einem Smartphone liegen die meisten Emissionen in der Gewinnung von Gold, Kobalt und Lithium sowie der Chip-Fertigung (hoher Energiebedarf).

Logistik-Hotspots: Bei Lebensmitteln aus Übersee (z. B. Flugananas) kann der Transport der größte Emissionstreiber sein.

Nutzungs-Hotspots: Bei Shampoo ist oft das Erhitzen des Wassers durch den Verbraucher beim Duschen der größte CO₂-Faktor in der gesamten Kette.

Die Herausforderung für Unternehmen: Die Datenerhebung für Scope 3 ist extrem schwierig. Unternehmen müssen oft auf Sekundärdaten (Durchschnittswerte aus Datenbanken) zurückgreifen, da Lieferanten aus Schwellenländern keine primären Emissionsdaten liefern können.

Relevanz für Wirtschaft und Politik

Das Verständnis von Emissionsketten ist längst kein reines Umweltthema mehr, sondern ein harter Wirtschaftsfaktor:

Regulatorik (CSRD): Die neue EU-Berichtspflicht (CSRD) zwingt tausende Unternehmen, ihre Emissionen – inklusive der Lieferkette – transparent zu machen.

Lieferkettengesetze: Unternehmen haften zunehmend für die Standards bei ihren Zulieferern.

CBAM: Der CO₂-Grenzausgleich der EU belegt Importe (z. B. Stahl) mit CO₂-Kosten, basierend auf den Emissionen, die im Herstellungsland in der Kette entstanden sind.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Scope 1, 2 und 3?
Scope 1 sind eigene, direkte Emissionen (z.B. Fuhrpark). Scope 2 sind Emissionen aus eingekaufter Energie (Strom). Scope 3 sind alle indirekten Emissionen in der Lieferkette (Rohstoffe) und Nutzungsphase.

Warum ist Scope 3 so wichtig?
Bei den meisten produzierenden Unternehmen macht Scope 3 über 80 % der Gesamtemissionen aus. Wer nur Scope 1 und 2 betrachtet, ignoriert den Großteil seines ökologischen Fußabdrucks.

Was bedeutet „Cradle-to-Gate“?
Es beschreibt die Emissionskette von der Rohstoffgewinnung („Wiege“) bis zum Moment, in dem das fertige Produkt die Fabrik verlässt („Tor“). Die Nutzung und Entsorgung werden hierbei ausgeblendet.

Wie können Unternehmen Emissionen in der Lieferkette senken?
Durch die Auswahl von Lieferanten mit Grünstrom-Nutzung, das Redesign von Produkten (weniger Materialeinsatz), die Umstellung auf Recycling-Materialien und die Optimierung der Logistikwege.

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